Daniel Vrielink ist Schiedsrichter. Er leitet Fußballspiele der unteren Amateurligen im Raum Osnabrück – und das seit fast 17 Jahren. Vor seiner Laufbahn als Unparteiischer spielte er selbst aktiv auf Bezirksebene, privat sympathisiert er mit den Münchner Bayern. Doch ein Vorfall während eines Spiels in der dritten Kreisklasse ändert seine gewöhnliche Biografie.

Ein Samstag im September 2012. Vrielink leitet wie schon unzählige Male zuvor ein Spiel in der Kreisklasse. Bereits mit 16 Jahren, als er noch selbst gegen das runde Leder trat, ließ er sich inspirieren. „Damals in der B-Jugend waren Mannschaftskollegen von mir schon Schiedsrichter und ich hatte mir das immer spannend vorgestellt. Also wollte ich das dann auch machen“, erklärt der 33-Jährige.

Es läuft die 84. Spielminute. Beim Stand von 2:2 entscheidet Vrielink im Strafraum auf einen indirekten Freistoß für die Heimmannschaft. Der Ball liegt nun zwölf Meter vor dem Tor und muss per Pfiff durch den Schiedsrichter wieder freigegeben werden, das sagt die Regel. Die Verteidiger stellen sich zur Mauer auf, die Stürmer der Heimmannschaft mischen sich in die Menschenkette. Es wird geschoben und gedrückt, gerangelt und gezerrt. Daniel Vrielink pfeift doppelt, um die Situation zu beruhigen.

Das Spiel ist erneut unterbrochen, was den bereits verwarnten Gästetorwart stört. „Was ist das für ein Scheiß?“, ruft er in Richtung des Unparteiischen. Die Konsequenz: Eine zweite gelbe Karte und somit Platzverweis für den Keeper, der die Fassung verliert und auf Daniel Vrielink zurennt. Der Schiedsrichter dreht sich reflexartig zur Seite, kann aber nicht verhindern, dass der Torwart ihn mit einem Schlag auf das linke Ohr und einem weiteren auf den Hinterkopf trifft. „Daraufhin brach Tumult auf dem Spielfeld aus. Der Torwart war absolut nicht zu beruhigen, drei Mitspieler mussten ihn zurückhalten. Er trat mir noch einmal vor das Schienbein und drohte mir mit den Worten: ,Du Hurensohn, ich bring dich um!‘“, schildert Vrielink.

Zuschauer rennen auf den Platz, um zu deeskalieren. Die Polizei wird gerufen. Vrielink erstattet eine Anzeige wegen Körperverletzung und erhält eine Schmerzensgeldzahlung. Sein Arzt wird später einen Tinnitus, eine Gehirnerschütterung, einen Hörsturz und Prellungen am Hinterkopf und dem Schienbein diagnostizieren; das Resultat eines Schiedsrichter-Pfiffes in der untersten Amateurliga. Daniel Vrielink hat Glück, dass er nur drei Wochen arbeitsunfähig sein wird und gibt zu: „Ich habe wirklich hinterfragt, wofür ich das eigentlich mache, und war kurz davor, einfach aufzuhören.“

Doch er hört nicht auf. Er will den jungen Schiedsrichterassistenten, die ihn regelmäßig bei Spielen begleiten, ein Vorbild sein und macht ihnen Mut: „Wenn es irgendwo Ärger gibt, das sind so Sachen, die festigen einen im Leben. Das festigt den Charakter.“ Diese Lebensweisheiten sind dem gebürtigen Oeseder durchaus abzukaufen, schließlich kennt er auch die andere Seite der Medaille. Mit seiner vierten Herrenmannschaft aus Kloster Oesede geht er als Trainer in die dritte Saison. Dort predigt er in der Kabine vor den Spielen einen fairen Umgang mit den Unparteiischen: „Ich sage meinen Jungs ganz klar, in welche Richtung es geht. Unser Kapitän ist der einzige Spieler auf dem Platz, der mit dem Schiedsrichter sprechen darf.“ Zwar sei er selbst nicht immer glücklich mit der Leistung der Schiedsrichterkollegen, doch weil er sich in deren Köpfe hineinversetzen kann, übe er niemals Kritik aus der Emotion heraus – oder empfinde gar Hass. „Wenn ich mit einer Schiedsrichterleistung nicht zufrieden bin, gehe ich nach dem Spiel einfach. Ich fange nicht an, zu diskutieren, weil es Kollegen von mir sind. Ich spreche vielleicht ein paar Tage später mit denen darüber“, so Vrielink.

Das akute Nachwuchsproblem im Kreise der Schiedsrichter kann er nachvollziehen: „Ich kann die Jungs verstehen heutzutage. Wer will sich den Stress noch antun? Du bist auf gut Deutsch gesagt immer das Arschloch auf dem Platz. Du kannst es als Schiedsrichter nie beiden Mannschaften recht machen.“